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Im Gespräch: Angela Inselkammer und Harald Pechlaner
Menschen

„Wir sind eine Leitökonomie“

Sie ist Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, er Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Angela Inselkammer und Harald Pechlaner über Trends und Entwicklungen im Tourismus
Interview: Stefan Ruzas

Sie ist Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, er Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Angela Inselkammer und Harald Pechlaner über Trends und Entwicklungen im Tourismus

Welche Fehler sollte man als touristischer Betrieb heutzutage unbedingt vermeiden?
Angela Inselkammer: Künstlich sein. Menschen merken sofort, ob ein Gastgeber echt, also authentisch, ist. Die Gäste kommen, weil sie genau das erleben möchten. Entscheidend ist, ob der Auftritt im Internet, das Ambiente, die Mitarbeiter des gastgebenden Betriebs und der persönliche Kontakt wirklich zusammenpassen; ob dieses Bild rund ist. Gerade in Bayern ist das eine riesige Chance, als Menschen auf Menschen zu reagieren.

Und was wäre allemal einen Versuch wert?
Harald Pechlaner: Die eigene Strategie an die sich radikal verändernden Verhältnisse anzupassen. Das ist rund um das Thema „Digitalisierung“ eine Mega-Herausforderung. Wir sind da eigentlich sehr langsam unterwegs. Das gilt natürlich auch für das Thema „Nachfolge“. Das gehen viele Hoteliers und Gastronomen viel zu spät an. Wenn man sich mit gesellschaftlichem Wandel auseinandersetzen will, muss man eigentlich nur auf den Tourismus schauen. Der ist wie ein Schaufenster für Veränderung, aber auch Stillstand.

Inselkammer: Spezialisierung ist ebenfalls einen Versuch wert. Also der Frage nachzugehen, was ich besonders gut kann. Stehe ich für Ruhe, Naturerleben, Einsamkeit oder doch eher für Erlebnis? Die familiäre Gastronomie und Hotellerie hat in Bayern ein immenses Potenzial, aber die Politik muss das auch verstehen. Sie muss die Rahmenbedingungen so verändern, dass kleine und mittelständische Betriebe auch noch existieren können. Wir sind nämlich branchenübergreifend auf dem Weg, den Mittelstand kaputtzuregulieren. Es gibt heute so viele Vorschriften, Pflichten zur Aufzeichnung und Kontrollen: Das kann ein kleiner Betrieb kaum noch schultern.

Angela Inselkammer

ist Geschäftsführerin des „Brauereigasthof Aying“ und wurde 2016 
als erste Frau zur Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes gewählt.

  • Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes

    Harald Pechlaner

    Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die vergangenen sechs, sieben Jahre waren für den Tourismus in Bayern stets Rekordjahre. Mit mehr als 17 Millionen Touristen und Wachstumsraten von fünf Prozent und mehr. Ist der Freistaat als Reiseziel schlicht ein Selbstläufer?
Pechlaner: Die Bekanntheit der Marke „Bayern“ reicht nicht, es geht auch darum, Begehrlichkeiten zu wecken. Und das gelingt in Bayern, weil es ein sehr breites ländliches und urbanes Angebot gibt, das echt und glaubwürdig ist. Begehrlichkeit ist natürlich auch etwas Internationales, und da ist Bayern allemal wettbewerbsfähig. Ich sehe eine Entwicklung, in der wir noch viel mehr als bislang in ein touristisches Zeitalter kommen. Es geht gar nicht mehr darum, von einem Rekord zum anderen zu jagen, sondern zu überlegen, welche Gäste Bayern will und welche zu seinem Angebot passen.

Inselkammer: Und dabei ist es immens wichtig, auch die einheimische Bevölkerung mitzunehmen. Zum Beispiel mit der Frage: Welche Wertschöpfung bedeuten diese Rekordzahlen für uns, welche Infrastruktur kann dadurch erhalten werden? Die meisten Freizeiteinrichtungen, ob Radlwege oder Schwimmbäder, können wir auch dadurch genießen, weil wir diese Einnahmen haben. Wir haben 560.000 Vollzeitarbeitsplätze im Tourismus und einen Umsatz von 31 Milliarden Euro. Es gab ja mal eine spannende, weltweite Studie, was man mit Bayern verbindet. Auf Platz eins das Bier, klar, dann geht es schon um die Möglichkeit der Teilhabe an einem traditionellen Zusammenleben. Wir haben so viele Feste, bei denen andere Menschen dabei sein können. Ganz normal und natürlich.

Im Juni 2018 hat die Staatsregierung in einem Kabinettsbeschluss eine neue Tourismusoffensive verabschiedet, in deren Leitbild „Einklang mit Mensch und Natur“ steht. Was wird das Ihrer Meinung nach ändern?
Inselkammer: Es ist doch schon mal toll, dass die Staatsregierung den Tourismus als Wirtschaftsfaktor wahrnimmt. Unsere Wirtschaftsform hat ja selbst in Krisenzeiten eine große Stabilität. Auch weil der innerdeutsche Tourismus einen so großen und entscheidenden Anteil hat. Sogar die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erklärt ja neuerdings, dass der Tourismus die zweitwichtigste Leitökonomie unseres Landes ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir gehören doch ins Bewusstsein der Menschen. Wir haben nun erstmals eine Abteilung „Tourismus“ im Wirtschaftsministerium, wir starten eine Landesausstellung zur Kultur des Dorfwirtshauses samt einer Unterstützungskampagne für 15 Millionen Euro. Und unser Ministerpräsident hat den Tourismus in seiner Regierungserklärung als einzige Branche 
angesprochen. Das sind Dinge, die Zeichen setzen.

Teil der neuen Offensive ist eine ganze Reihe von Maßnahmen, bei vielen davon geht es um Digitalisierung – beispielsweise digitale Modellprojekte auf dem Land, einfacher Zugang zu Online-Buchungsplattformen oder Cloud-Konzepte. Kommt der Tourismus in Bayern nun endlich ins digitale Zeitalter?
Pechlaner: Ja, und das hat auch mit einem stärkeren Schulterschluss von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu tun. Wir sind nämlich alle gefordert, weil es neben der Wertschöpfung immer auch um Wertschätzung geht.

Inselkammer: Man sollte nicht vergessen, dass die Hotellerie in Deutschland schon jetzt die am besten digitalisierte Branche ist. Dafür braucht es auch den Ausbau von Netzen und Mobilfunk bis in den hintersten Winkel Bayerns. Aber es geht darüber hinaus darum, den kleinen Betrieben durch Weiterbildung Wissen zu vermitteln, was sie im Internet tun können und welche Möglichkeiten der Kooperationen es untereinander gibt. Die Tätigkeit eines Wirtes grenzt ja manchmal schon an Aufopferung für die Gesellschaft. Das tut er gerne, aber er muss schon das Gefühl haben, dass es gesehen wird. Klar, wir wollen auf den Stand der Technik kommen, aber dafür müssen wir auch mal Luft holen können, um über neue Geschäftsmodelle nachzudenken. Wenn zum Beispiel ein Dorfwirtshaus das Zentrum einer Gemeinde sein soll: Was heißt das denn überhaupt? Wie findet sich ein Stammtisch für allein lebende Menschen? Wie erfährt die Bevölkerung davon, dass das Wirtshaus am Wochenende auch Lebensmittel verkauft?

Studien belegen, dass maximal 15 Prozent der bayerischen Unterkünfte online zu buchen sind, zu wenige sind auf den Social-Media-Kanälen unterwegs oder präsentieren sich mehrsprachig. Ist es Zufriedenheit mit der Gegenwart oder Angst vor der Zukunft?
Inselkammer: Weder noch. Es ist schlicht Überlastung. Viele setzen sich nicht damit auseinander, weil sie immer nur noch mehr und mehr arbeiten. Klar müssten die sich kümmern und weiterbilden, nur wann? Ich rede mir in der Politik den Mund fusselig: Schaut auf die kleinen Betriebe, die müssen entlastet werden! Und in den Betrieben empfehle ich: Macht doch mal einen Ruhetag, damit ihr mal Luft kriegt. Nachdenken, Bürokratie, Familie: All das braucht Zeit.

In dem Regierungsprogramm heißt es auch ausdrücklich, dass die LfA Förderbank Bayern als Tourismusbank gestärkt werden soll – durch den Ausbau des Förderinstrumentariums. Welche Maßnahmen wünschen Sie sich konkret?
Inselkammer: Wir haben mit der LfA und gefördert vom Wirtschaftsministerium 14 Beratertage in Bayern gemacht. Wichtig ist, ranzugehen an die Betriebe. Die Unternehmer finden dann schon die Mittel, die für sie ideal sind. Die LfA kann einen perfekten Überblick bieten, wie man sich finanziell helfen lassen kann. Mitte des Jahres soll unser „Gaststätten-Modernisierungsprogramm“ starten – auch da ist die LfA im Boot.

Zu den wichtigsten Themen im Tourismus zählen ja Gesundheit und Nachhaltigkeit. Welches Potenzial haben die denn wirklich für einzelne Regionen und Hotels – oder sind es schlussendlich doch nur Modewörter?
Pechlaner: Bayern ist berühmt für seine Angebote in puncto Gesundheit. Von Wellness bis Heilbäder- und Medizintourismus. Das Ganze kann sich weltweit sehen lassen, auch auf völlig neuen Märkten wie Asien und anderswo. Nachhaltigkeit ist die Grundvoraussetzung für jede Tourismusform, die wir entwickeln. Das wollen die Märkte, und das ist für die Bevölkerung und ihren Lebensraum immens wichtig. Es wird in Zukunft verstärkt darum gehen, über eine Generation hinaus zu denken. Familienbetriebe sind ja auch deswegen das Nachhaltigste, was es überhaupt gibt.

  • Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes

    Angela Inselkammer

    Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes

Nachhaltigkeit und Gesundheit: Das ist der Zeitgeist Für die kommenden 100 Jahre
Angela Inselkammer

Inselkammer: Deswegen ist so was auch keine Mode, sondern aus sich heraus wichtig. Nachhaltigkeit und Gesundheit: Das ist der Zeitgeist für die kommenden 100 Jahre und darüber hinaus. Weil dabei auch Regionalität wichtig ist, also genau das, was unsere Gäste wollen. Und wir haben mit unserem Wirtschaftsminister Aiwanger jemanden, der erstmals die regionalen Wirtschaftskreisläufe thematisiert. Dabei spielen auch andere Ministerien wie Verbraucherschutz und Landwirtschaft eine Rolle.

In Kempten soll nun im Auftrag des Freistaats ein Bayerisches Zentrum für Tourismus entstehen. Wissen Sie Genaueres?
Inselkammer: Wir haben uns das immer gewünscht, ein Tourismus-Kompetenzzentrum, das sich mit neuen Konzepten und Strategien beschäftigt und Ziele definiert. Dazu die Vernetzung von Akteuren im Tourismus. Wer tut was? Wer kümmert sich um was? Wir haben ja eine unglaubliche Vielfalt von Aktivitäten, auch in den Ministerien. Oft weiß der eine nicht vom anderen.

Viele Tourismusbetriebe in Bayern suchen händeringend neue Mitarbeiter und klagen über den Mangel an Fachkräften. Ist da überhaupt Abhilfe möglich, angesichts der Konkurrenz in der Schweiz oder in Österreich?
Inselkammer: Eines vorab – wir haben in den vergangenen zehn Jahren in unserer Branche 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Unser erstes Ziel sollte sein, zu erklären, wie flexibel man in Hotellerie und Gastronomie ist. Man kann weltweit arbeiten, es gibt verschiedene Zeitmodelle, und wenn man mal fünf Jahre aussetzt, geht es danach halt weiter. Wir gehen auch deswegen mit 120 ehrenamtlichen Ausbildungsbotschaftern an alle Schulen, um mit Schülern und Eltern zu sprechen. Wir haben zudem einen Fachkräfte-Navigator aufgestellt. Und wir haben dazu beigetragen, dass das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz auch für unsere Branche gilt. Was wir dringend brauchen, ist Wohnraum für Mitarbeiter. Deshalb kämpfe ich für politische Rahmenbedingungen, die steuerliche Erleichterungen schaffen, damit Unternehmer unserer Branche Wohnraum bauen können. Abgesehen davon, gibt es in anderen europäischen Ländern ein steuerfreies 13. Monatsgehalt oder steuerfreie Sachwertbezüge für Lehrlinge.


Pechlaner: Der Fachkräftemangel ist schon jetzt ein globales Phänomen. Da geht es fast schon um einen Krieg um die Talente. Und da sind wir wieder bei Wertschöpfung und Wertschätzung im Tourismus. Wenn beides steigt, gibt es auch mehr Bewerber. Und die wollen wiederum auch flexible Arbeitszeitmodelle, attraktive Wohnmöglichkeiten und Lebensqualität. Bayern konkurriert auf dem Arbeitsmarkt nicht nur mit Österreich oder der Schweiz, sondern auch mit 
Dubai oder anderen Destinationen.

Harald Pechlaner

Neben seiner Tätigkeit an der Universität in Eichstätt ist Pechlaner auch Leiter des „Center for Advanced Studies“ an der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) sowie Autor und (Mit-)Herausgeber von Büchern und Forschungsartikeln.

  • Autor Stefan Ruzas mit seinen Interviewpartnern in der

    Im Gespräch

    Autor Stefan Ruzas mit seinen Interviewpartnern in der Lobby des „Platzl Hotel“ in München

Und das in einer Zeit, in der Vermittlungsplattformen von Privatunterkünften wie Airbnb mächtige Konkurrenten geworden sind ...
Pechlaner: Der Staat sollte darauf achten, dass die, die Gleiches tun, auch die gleichen Bedingungen haben. Sonst wird der Wettbewerb unfair.

Inselkammer: Was übrigens auch für die Gastronomie gilt: Warum wird das in Plastik verpackte Essen vom Supermarkt mit sieben Prozent besteuert, aber das, was wir selbst zubereiten, mit 19 Prozent? In der Hotellerie hat die veränderte Besteuerung ja auch wichtige Impulse gebracht.

Wie werden wir uns denn künftig zu Reisen inspirieren lassen und wie wird unser Buchungsprozedere aussehen?
Inselkammer: Am Ende sind es immer die guten Geschichten, die inspirieren. Emotionale und authentische Geschichten. Egal, über welchen Kanal. Und irgendwann ist auch jedes Haus 
so aufgestellt, dass es im Internet 
direkt buchbar ist.

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