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Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger
Schwerpunkt-Thema

„Unsere Wirtschaft hat die Kraft, sich schnell zu erholen“

Die Corona-Krise kostet Bayern Milliarden. Staatsminister Hubert Aiwanger über die Folgen der Pandemie, regional verankerte Produktion und Lieferketten und die Freude an „Überflüssigem“
Interview: Stefan Ruzas

Die Corona-Krise kostet Bayern Milliarden. Staatsminister Hubert Aiwanger über die Folgen der Pandemie, regional verankerte Produktion und Lieferketten und die Freude an „Überflüssigem“

Herr Minister Aiwanger, wie sieht Bayern aus, wenn die Corona-Krise überstanden ist?

Den Menschen in Bayern ist jetzt mehr als vorher bewusst, wie krisenanfällig unsere Gesellschaft aufgrund der Globalisierung geworden ist. Wir müssen also die Vorteile der
Globalisierung nutzen, wichtige Grundversorgung aber hierzulande besser absichern als bisher – von der Nahrungsmittelversorgung bis zu Medizinprodukten.
 

Der Kampf gegen das Virus legt ja weite Teile des zivilen und wirtschaftlichen Lebens lahm – weltweit. Absatzmärkte brechen ein, Zulieferketten sind in Gefahr. Trifft Corona die stark exportorientierte Wirtschaft unseres Freistaats besonders hart?

Länder, die vor allem auf Importe angewiesen sind, treffen geschlossene Grenzen viel härter. Wir können froh sein um unsere Produktion, besonders um die Versorgungsquote bei Lebensmitteln. Aber natürlich schadet der weggebrochene Export unseren Unternehmen und deren Mitarbeitern.
 

Was sind wahrscheinlich die gravierendsten Veränderungen, wenn die Pandemie endlich vorbei ist?

Unsere Wirtschaft hat die Kraft, sich schnell zu erholen. Deshalb müssen wir sie jetzt liquide halten. Trotzdem müssen wir bereit sein zu lernen. Ich hoffe, dass jetzt allen bewusst wird, wie wichtig einerseits internationale Zusammenarbeit ist, aber wie wertvoll andererseits regional verankerte Produktion und Lieferketten sind.

  • Bayerns Wirtschaftsminister und LfA-Verwaltungsratsvorsitzender Hubert Aiwanger

    Bayerns Wirtschaftsminister und LfA-Verwaltungsratsvorsitzender Hubert Aiwanger

    bleibt trotz Herausforderungen optimistisch

Tourismus, Maschinenbau, Handel, IT oder andere Sektoren: Welche Branchen sind besonders hilfsbedürftig und welche könnten sich als überraschend robust erweisen?

Im Augenblick beobachten wir in nahezu allen Branchen Verlierer und Gewinner. Als robust erweisen sich alle, die flexibel genug agieren können. Besonders im Feuer stehen natürlich Dienstleistungen und Produkte, auf die leichter verzichtet werden kann. Stark betroffen sind zum Beispiel unsere Gastronomie und Hotellerie.

Wie würden Sie in diesen Zeiten die Rolle der LfA Förderbank Bayern beschreiben?

Die LfA ist aktuell unser Instrument zur Sicherung der Liquidität, langfristig der Partner unserer Unternehmen für den Weg aus der Krise – als Rückhalt für unsere Geschäftsbanken.

Führt die Krise zu einer Überschuldung von Bund und Ländern? Und wenn ja: Welche Folgen hat das für Investitionen in andere wichtige Zukunftsfelder wie Klimawandel, Mobilität oder Digitalisierung?

Die Krise ist nicht das Ende der Welt! Eine Investition in den genannten Feldern verliert nicht ihre Wichtigkeit. Eher im Gegenteil: Mit weniger Mitteln muss ich mich umso mehr auf Zukunftsfragen konzentrieren.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten brauchen Unternehmen wie Menschen, um solche Krisen auszuhalten?

Vertrauen in die eigene Stärke, einen realistischen Blick auf die Tatsachen und die Erkenntnis, dass man zusammen mehr erreichen kann.
 

Bei allen dramatischen Verlusten, Sorgen und Ängsten: Gibt es auch hilfreiche oder vielleicht zukunftsweisende Erkenntnisse, die wir aus diesen Corona-Zeiten gewinnen können?

Ich bin ganz positiv gestimmt durch die vielen Meldungen bayerischer Unternehmen, die in dieser schweren Zeit ihren Beitrag für die Gemeinschaft erbringen wollen. Und die Wertschätzung für viele vermeintlich „einfache“ Tätigkeiten, wie zum Beispiel bei der Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft, wächst und wird hoffentlich bleiben.

Kulturtechniken des Digitalen wie zum Beispiel Videokonferenzen, digitale Aktionärstreffen oder Homeoffice werden in diesen Wochen zu Selbstverständlichkeiten. Was bedeutet das für unseren künftigen Arbeitsalltag?

Viele erproben jetzt Techniken der Digitalisierung, denen sie vorher skeptisch gegenüberstanden. Das ist ein Schritt in Richtung Arbeitswelt 4.0. Damit wird zum Beispiel die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatem verbessert und es sinken die Verkehrs- und Umweltbelastungen.
 

Welche alten Phänomene unseres Wirtschaftslebens macht die Corona-Krise vielleicht überflüssig?

Die Grundphänomene werden sich nicht ändern, warum auch, sie wurden nicht infrage gestellt. Gegen das Virus hilft kein Systemwechsel. Auch werden Sie sehen: Schon nach kurzer Zeit kaufen wir wieder „überflüssige“ Artikel, nur weil es sie gibt und wir Freude daran haben.

Wir brauche keine neue Wirtschaftsordnung, wenn sich die bestehende als robust erweist
  • Bayerns Wirtschaftsminister und LfA-Verwaltungsratsvorsitzender Hubert Aiwanger

Kann es sein, dass wir alle in diesen Zeiten lernen, dass unsere Wirtschaft über Wochen und Monate radikal schrumpfen kann, ohne zusammenzubrechen?

Viele verstehen jetzt, warum es wichtig ist, solide zu wirtschaften und soziale Sicherungssysteme zu finanzieren. Unsere Wirtschaft ist insgesamt belastbar. Leider ist das kein Trost für diejenigen, die in dieser Zeit Insolvenz anmelden oder arbeitslos werden. Für diese Menschen ist dann wichtig, dass wir schon immer eine Wirtschaftspolitik betrieben haben, die Wachstum anstrebt, damit sie wieder eine neue Chance bekommen.
 

Welche Lehren sollte die bayerische Wirtschaft aus den unterbrochenen Lieferketten der Just-in-time-Produktion oder aus fehlenden Erntehelfern anderer Länder ziehen? Lokalisiert sich das Globale?

Wir sind Gewinner der Globalisierung, das kann keiner infrage stellen. Nur ein Beispiel: Wir sind führend bei der Herstellung von Spitzenprodukten der Pharmaforschung. Aber natürlich importieren wir viele günstige Nachahmerprodukte. Das wollen wir nicht grundsätzlich ändern, aber eine bessere Vorsorge mit Standardmedikamenten treffen.

Brauchen wir vielleicht sogar eine neue Wirtschaftsordnung?

Wir brauchen keine neue Wirtschaftsordnung, wenn sich die bestehende als robust erweist. Aber der Staat muss bei seinen Ausgaben Prioritäten neu bedenken. Nur zwei Beispiele: Wir sehen, wie falsch es in anderen Ländern war, Krankenhausbetten abzubauen. Wir selbst haben die „Friedensdividende“ genossen und im Bereich des Katastrophenschutzes eingespart.

Politik bedeutet ja im ursprünglichen Sinne gesellschaftliche Verantwortung. Erleben wir durch diese Krise auch eine neue Glaubwürdigkeit und Legitimation von Politik und Wissenschaft?

Ich glaube, unsere Bürger haben erkannt, dass uns die Wissenschaft Entscheidungen nicht abnehmen kann. Es sind die Politiker, die Verantwortung übernehmen müssen in einem Moment, bei dem der Ausgang unklar ist. Dafür sollte man Personen wählen, denen man vertraut und Positives zutraut.

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