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Investor Frank Thelen
Schwerpunkt-Thema

„Wir denken nicht weit genug“

Frank Thelen hat schon sieben Technologie-Unternehmen gegründet. Sein privates Kapital investiert er mit seiner Firma Freigeist Capital in Start-Ups. Von 2014 bis 2020 war er Teil der TV-Show „Die Höhle der Löwen”. Im Interview spricht Thelen über erfolgreiche Innovationen und Methoden zur Ideenfindung.
Interview: Stefan Ruzas

Frank Thelen hat schon sieben Technologie-Unternehmen gegründet. Sein privates Kapital investiert er mit seiner Firma Freigeist Capital in Start-Ups. Von 2014 bis 2020 war er Teil der TV-Show „Die Höhle der Löwen”. Im Interview spricht Thelen über erfolgreiche Innovationen und Methoden zur Ideenfindung.

Herr Thelen, woran erkennen Sie, dass eine Innovation wirklich innovativ und relevant ist?

Wenn sie ein zentrales Problem löst und dabei komplett neue Wege einschlägt, anstatt vorhandene Lösungen um zwei bis drei Prozent zu optimieren.
 

Und was war bisher Ihr erfolgreichstes Investment in eine Neuheit?

Ein sehr gutes Beispiel ist Lilium aus dem bayerischen Weßling. Mobilität ist insbesondere in Innenstädten ein zentrales Problem – auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Während die meisten Flugtaxi-Projekte wie große Drohnen funktionieren, hat Lilium das Fliegen mit dem Übergang vom Senkrecht- in den Horizontalflug komplett neu gedacht. Ich gehe also aktuell stark davon aus, dass Lilium mein bislang erfolgreichstes Investment ist. Aber wir haben viele wichtige und spannende Produkte in unserem Portfolio.
 

Welche Arten von Innovationen sind denn für Investoren und Macher zurzeit besonders attraktiv?

Neben dem Mobilitätssektor sehe ich großes Potenzial in den Bereichen Greentech und Biotech. Im Greentech-Bereich haben wir den größten Innovationsbedarf, denn wir brauchen dringend Technologien, die es uns erlauben, unseren Planeten zu erhalten, ohne unser Leben maßgeblich einschränken zu müssen. Im Biotech-Bereich werden uns Entwicklungen wie CRISPR/Cas, Organoide und künstliche Intelligenz komplett neue Möglichkeiten eröffnen. Das geht von der Veränderung von DNA-Bausteinen im Erbgut bis zu organähnlichen Mikrostrukturen.

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Sind innovative Ideen und Erfindungen ohne Digitalisierung heute überhaupt noch realisierbar?

Nein, denn die Basis-Technologien, die die nächste Welle an Innovationen hervorbringen werden – ob künstliche Intelligenz, 3-D-Druck, Blockchain oder Internet of Things (IoT) –, basieren allesamt auf Daten und entfalten nur dann ihr volles Potenzial, wenn sie in einer zu hundert Prozent digitalisierten Umgebung angewandt werden. Deshalb ist es extrem wichtig, dass wir in Deutschland endlich unsere Wirtschaft und auch unseren Staat vollumfänglich digitalisieren. Tun wir dies nicht, werden wir nicht nur keine Innovationen mehr erschaffen, sondern entstandene nicht einmal nutzen können und immer weiter zurückfallen.
 

Wo stößt man auf mehr Innovationen, in kleinen Start-ups oder doch eher in den Forschungsabteilungen großer Firmen?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal für jedes Start-up und jede Forschungsabteilung sagen, aber insgesamt sehe ich mehr Innovation in der Start-up-Welt. Das liegt ganz einfach daran, dass Start-ups viel agiler Entscheidungen treffen und schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren können. Auf der anderen Seite haben Forschungsabteilungen meist die finanziellen Mittel und die Expertise. Idealerweise sollten sich Start-ups und große Firmen daher öfter zusammentun.

Viele Deutsche Führungskräfte befinden sich noch immer im Wohlstandsschlaf. Das muss sich dringend ändern

Aber warum misslingen Innovationen in Unternehmen so oft?

Weil es nicht die richtigen Anreize für Mitarbeiter gibt, Innovationen voranzutreiben. In den allermeisten Fällen wird die Performance von Entscheidungsträgern in Firmen anhand von Quartalszahlen und nicht anhand von Zukunftsperspektiven gemessen. Im schlimmsten Fall würden sich Mitarbeiter durch Innovationen, zum Beispiel durch die Automatisierung von Prozessen, sogar noch selbst überflüssig machen. Es braucht hier ein anderes Incentivierungssystem, damit Innovationen in Unternehmen entstehen können. Mitarbeiter sollten dazu ermutigt werden, auch mal Risiken einzugehen, wenn dadurch große Chancen entstehen können.
 

Welche Ideenfindungsprozesse oder -techniken halten Sie für besonders wirksam?

Ich bin ein großer Freund der Methode „First Principles Thinking“, für die auch der Tesla-Gründer Elon Musk bekannt ist. Hierbei bricht man ein zentrales Problem auf seine physikalischen Wahrheiten herunter und erarbeitet nur auf Basis dieser physikalischen Gegebenheiten und des aktuellen Stands der Technik neue Lösungsansätze, die nicht auf bisherigen Lösungsansätzen beruhen. So verhindert man, dass man ein bestehendes Produkt um zehn Prozent verbessert, anstatt ein Produkt zu erschaffen, das zehnmal besser sein kann.

Aber Innovation ist schon planbar, oder?

Wenn man die drei Gesetze verinnerlicht, die ich in meinem Buch „10 x DNA – Das Mindset der Zukunft“ als Treiber von exponentiellem Fortschritt definiert habe, dann ist sie das tatsächlich. Wer einmal begriffen hat, dass unsere Chips und Prozessoren alle zwei Jahre ihre Leistung verdoppeln, der kann damit planen, dass Rechenleistung in absehbarer Zukunft bei bestimmten Anwendungen kein Problem mehr darstellen wird. Wer „Wright‘s Law“ verstanden hat, der weiß, dass mit steigender Produktionszahl die Stückkosten exponentiell sinken und hohe Produktionskosten daher ab einer bestimmten Skalierung kein Problem mehr darstellen.

Was ist wichtiger, um innovativ zu sein: Mut oder Unzufriedenheit?

Ganz klar Mut. Macht Unzufriedenheit wirklich innovativ? Natürlich motiviert es, wenn es ein Problem gibt, das man dringend lösen will, aber ich darf jeden Tag mit vielen innovativen Gründern zusammenarbeiten und keiner von ihnen erscheint mir unzufrieden. Im Gegenteil – sie alle brennen für ihr Thema und arbeiten mit Passion und Begeisterung an ihren Lösungen.
 

Wie begeistern Sie selbst im Rahmen Ihrer Engagements Führungskräfte für das Thema Innovation?

Hier sieht es schon anders aus. Paranoia und FOMO – also „Fear Of Missing Out“ – sind erfahrungsgemäß deutlich effektiver als „nur“ Begeisterung. Ich starte meine Keynotes meist mit einem Weckruf und zeige auf, was aus gestandenen Unternehmen werden kann, wenn sie Innovationen nicht früh genug erkennen und Entwicklungen in ihrer Branche nicht ernst nehmen. Kodak und Blockbuster sind hier oft genannte Beispiele, bald könnte die deutsche Autoindustrie als Negativbeispiel folgen. Viele deutsche Führungskräfte befinden sich noch immer im Wohlstandsschlaf. Das muss sich dringend ändern.
 

Besonders aggressive Treiber wie der Mobilitätskonzern Uber haben für das Etablieren von Innovationen schon mehr als 6,8 Milliarden Dollar Verlust angehäuft. Sie attackieren damit aber eigentlich funktionierende Branchen wie das Taxi-Gewerbe. Ist das volkswirtschaftlich betrachtet nicht unfair?

Das Taxi-Gewerbe funktioniert aktuell, da wir unsere Autos noch selbst fahren. Was Uber da gerade etabliert, ist ein Mobilitätskonzept, das auch auf autonomes Fahren ausgelegt ist, zukünftig komplett ohne Fahrer und Zwischeninstanz auskommt und zudem schon jetzt wertvolle Daten sammelt. Genau das ist der Grund, warum in Deutschland schon lange keine Innovation mehr entstanden ist. Wir denken nicht weit genug. „Das haben wir schon immer so gemacht“ reicht aber nicht. Ja, die Taxi-Branche funktioniert aktuell noch, aber perspektivisch wird es effizientere, sinnvollere und vor allem sicherere Lösungen für den Transport von Menschen geben. Amazon, Google oder Tesla haben anfangs auch ausschließlich rote Zahlen geschrieben, da sie auf innovative Ansätze gesetzt haben. Schaut euch die Zahlen heute an!

  • Frank Thelen auf Onewheel
  • Investor Frank Thelen

    Mitarbeiter sollten dazu ermutigt werden, auch mal Risiken einzugehen, findet Investor und TV-Juror Frank Thelen

Die Corona-Krise prägt unsere Wirtschaft nun schon seit einem Jahr massiv. Können Unternehmen angesichts einer derart unsicheren Zukunft systematisches Innovationsmanagement betreiben?

Unbedingt. Für viele Unternehmen ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt. Innovationen zu fördern, bedeutet, Prozesse effektiver zu gestalten, und es spart langfristig Ressourcen ein. Ich verstehe, dass dies unsichere Zeiten sind, aber jede Krise ist auch irgendwann wieder vorbei. Unternehmer sollten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, mutig in die Zukunft blicken und ihre Firmen zukunftsfähig machen.
 

Gibt es so was wie Booster, die Firmen helfen können, ideenreich zu werden?

Besonders effektiv ist ein eben schon angesprochenes Incentivierungsprogramm, das Mitarbeitern einen Anreiz gibt, Innovation voranzutreiben. Außerdem hilft es, sich immer mit den neuesten technologischen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Innovationen können in der heutigen Zeit aus jeder Richtung kommen.

Was kann die Politik und was können Institute wie die LfA Förderbank Bayern tun, damit Innovation hierzulande noch besser gelingt – auch in puncto Digitalisierung?

Die Politik kann durch rechtliche Rahmenbedingungen den Weg erleichtern und könnte auch als gutes Beispiel vorangehen und sich selbst digitalisieren. Was die LfA tun kann, liegt auf der Hand – weiterhin mit Kapital Innovationen fördern.

 

Welches Produkt, welcher Service oder welches Geschäftsmodell müsste Ihrer Meinung nach für die Menschheit unbedingt noch erfunden werden?

Ich möchte das nicht auf ein Produkt reduzieren, aber wir sollten durch technologische Innovationen in der Lage sein, ein Leben nach heutigem Standard oder höher zu führen, ohne dabei unserem Planeten zu schaden. Unsere oberste Priorität sollten daher nachhaltige Energie, Nahrung und Mobilität sein.

Frank Thelen

Frank Thelen ist ein europäischer Seriengründer, Technologie-Investor und TV-Persönlichkeit. Seine Produkte haben mehr als 200 Millionen Kunden in über 60 Ländern erreicht. Als Juror der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ (Vox) wurde er zur Person des öffentlichen Interesses und nutzt seine Stimme nun, um sich für die Start-up-Szene und die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands einzusetzen.

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