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Kunstkalender 2019 – Kalenderblatt November

Metadaten

Kategorie
Kunstkalender
Mediatyp
Bilder, Video
Jahr
2019

Technische Daten

  • Minjae Lee
  • Engster Korridor
  • 2018
  • Maße variabel
  • Raumsintallation und Performance

Engster Korridor

Man muss nicht unter Klaustrophobie leiden, um die Situation beängstigend zu finden: Ein Mensch ist eingezwängt zwischen zwei Wänden. Sie bilden einen Korridor, der so eng ist, dass eine Fortbewegung nur in Körperkontakt mit beiden möglich ist. Der Mann reibt sozusagen die Wände entlang. Dabei hält er ein Stück Kreide in der rechten Hand, mit dem er etwas auf die Wand vor sich kritzelt. Auf unserer Abbildung ist nicht zu lesen, was er schreibt. Bei der Performance, für die Minjae Lee den „Engsten Korridor“, so der Werktitel, entwarf, konnte man den Künstler bei seinem Tun durch Türspione beobachten. 14 solcher Linsen waren vertikal in die extrem schmale Tür eingebaut, mit der der Korridor verschlossen war. Für die Aufnahme haben wir die Tür geöffnet, die in der kleinen Abbildung hier zu sehen ist. Diese nach außen zu öffnende Türe machte durch ihr Format, die 14 in einer Reihe angeordneten Spione und den außen angebrachten Türschließer neugierig, was sich dahinter verbarg. Hier bewegte sich Minjae Lee stundenlang durch den Korridor hin und her. Unablässig schrieb er einen Satz auf die Wand, den er mit seinem Körper sogleich wieder verwischte.

Minjae Lee Tür

Wie beim antiken Mythos von Sisyphos kann diese Arbeit also nie vollendet werden; der Mensch handelt zwanghaft und sinnentleert. Doch wie das Schicksal des Sisyphos, der einen Stein auf die Spitze eines Berges rollt, welcher sogleich die andere Seite wieder herabrollt, muss auch die Arbeit im „Engsten Korridor“ als Metapher gedeutet werden. Der Künstler handelt in ständiger Unruhe und Rastlosigkeit. Seine Tätigkeit erscheint vollkommen sinnentleert, das Geschaffene ohne Dauer, ebenso mühsam und fruchtlos wie das antike Hinauf­ wälzen eines Steines auf eine Bergspitze, wo es keinen Halt gibt. Auch die 14 Spione in der Tür erfüllen keine Funktion, für die nicht ein einzelner ausgereicht hätte. Zugleich verstärken sie die Unruhe des Eingeschlossenen, der wahrnimmt, wenn sich jemand zur Beobachtung vor die Lichtöffnungen stellt. Nicht einmal die Illusion eines schützenden Raumes stellt sich damit ein. Alles drückt auf die eingeschlossene Person, physisch wie psychisch. Es ist keine Arbeit zum Wohlfühlen, wohl aber eine eindrucksvolle Aussage über ein drängendes Problem unserer Zeit. Bleibt noch der Satz, den Minjae Lee wie ein Mantra unzählige Male vor sich auf die Wände schrieb, um ihn zugleich wieder auszulöschen: „Du brauchst keine Angst zu haben“.

Text: Jochen Meister

Der Künstler

Minjae Lee
Minjae Lee
1984

Geboren in Anyang, Südkorea, lebt und studiert in München

2004-2010

Studium der Malerei an der ChuGye University for the Arts in Seoul, Südkorea

seit 2015

Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München bei Professor Gregor Schneider und Professor Florian Pumhösl

Ausstellungen


2018

Schiffe setzen über, Galerie der Künstler, München (Gruppenausstellung)

2018

Jahresausstellung, Akademie der Bildenden Künste München (Gruppenausstellung)

flachware.de/minjae-lee